Shake
Ich werde wohl nie wieder eine solche Stimmung in einem Theater erleben. Da wurde mit der Laola begonnen und in Ekstase geendet.
Was die 16 Teams aus den unterschiedlichsten Ländern der Welt an diesem Abend auf die Bühne gebracht haben, war einfach unglaublich. In den vier Stunden improvisiertem Theatermarathon wurde gesponnen, gelitten, gesungen und geliebt.
Den Beginn machten die Kanadier, Kolumbianer, Franzosen und das Team aus Russland. Ein Reigen aus sechs Paaren die alternierend ihre Geschichten in je drei Akten aus der Luft zauberten. Für mich am eindrucksvollsten war die Liebe zwischen der Französin und dem Russen, die tragisch an seiner Unfähigkeit auch nur ein Wort zu sprechen, zerbrach. Manchmal sind eben die stillen Momente die wunderbarsten. Was sicherlich auch für die kanadisch-russische Pantomime galt, bei der eine Sitzgelegenheit still und doch äußerst machtvoll umkämpft wurde.
Im krassen Gegensatz dazu die kanadisch, kolumbianische Liebesgeschichte zwischen zwei Männern. Was macht man schon mit der Publikumsvorgabe, dass sie sich lieben, weil sie beide Papageien sammeln? In diesem Fall ein Drama, in dem im ersten Akt die Liebenden einem scheinbar friedlichen Papagei - der Kolumbianer in einer hervorragenden Doppelbesetzung - die Käfigtür öffnen, nur um mit anzusehen, wie der plötzlich mörderische Papagei dem Kolumbianer das Gesicht zerhackt. Im zweiten Akt schwört nun der Kanadier dem verunstalteten Kolumbianer ihn in immer währender Liebe vor allen Papageien dieser Welt zu beschützen. Doch der Kolumbianer, vor der schweren Wahl zwischen seiner Liebe zu dem Kanadier und den Papageien entscheidet sich für die bunt gefiederten Freunde. Und damit nimmt das Drama seinen Lauf. Der Kanadier, tief getroffen durch die Zurückweisung, entbrennt in Hass und begibt sich auf einen Kreuzzug gegen die Papageien dieser Welt. Im dritten Akt schließlich, der letzte Papagei dieser Erde. Der Kanadier schleicht sich hinterlistig an und man bangt um das letzte befiederte Exemplar dieser Gattung. Doch als Beschützer und Retter der Entehrten tritt der Kolumbianer wieder auf die Bühne. Es kommt zum alles entscheidenden Showdown: Einem Slow-Motion Karatekampf, bei dem der Kolumbianer aufgrund überragender athletischer Fähigkeiten gewinnt. Der Kanadier, gebrochen am Boden, der Kolumbianer über ihm, das Gewehr im Anschlag. Der Verlierer fleht um einen möglichst schnellen Tod. Doch der Kolumbianer erkennt im letzten Moment seine wahren Gefühle, erschießt kurzerhand den Papagei und es kommt zum kaum noch erhofften Happy-End.
Es ist schwierig, den Spielwitz und die Spielfreude, die ein solches Team in dem Moment auf die Bühne bringt, in Worte zu fassen. Als Zuschauer bleibt einem nichts als in jedem Moment erstaunt und fasziniert auf die Bühne zu starren, sich mal leise, mal laut zu freuen und einfach nur glücklich zu sein.
Das Highlight des Abends war unbestreitbar das Musical, das von Schweden, Japan, USA, England und den Belgiern auf die Bühne gebracht wurde. Die Vorgabe sollte ein Fußball-bezogener Beruf sein. "Kabinenwart". Bei solchen Vorschlägen kommt man nicht umhin, anfänglich den Kopf zu schütteln und sich zu fragen, wie das denn bitte schön funktionieren soll.
Der Kabinenwart "Crap", der sich so danach sehnt auch einmal ein großer Fußballstar zu sein. Der aber nur die T-Shirts der Männermannschaft zu kratzigen Stofflappen zu Grunde waschen darf. Der verzweifelte Manager, der angesichts sinkender Zuschauerzahlen kurz vor dem Verkauf seines Teams steht. Die Mädchenmannschaft, die in letzter Sekunde eine Hoffnung auf Rettung zu sein scheint. Nicht jedoch mit dem Kapitän der Männermannschaft, der aus bitterem Neid beginnt düstere Intrigen zu spinnen und versucht den Kabinenwart zu finsteren Machenschaften zu bewegen. Und zu all dem kommt dann noch der böse Manager des verfeindeten Teams, der mit einer Wette vor dem entscheidenden Spiel alles auf eine Karte setzt.
Und trotz widrigster Bedingungen gewinnt das Mädchenteam. Der Manager darf sein Team behalten, bekommt sogar seine Frau zurück. Männer entscheiden sich dazu, dass sie lieber Frauen wären. Und der Kabinenwart findet schließlich heraus das Liebe mehr zählt als Fußball. Und all das einfach aus der Luft gegriffen. Ich habe meinen Mund an einigen Stellen einfach nicht mehr zu bekommen.
Wenn es nach dem Publikum gegangen wäre, hätten die Schauspieler nie nach Hause gehen dürfen. Die Laola ging kontinuierlich durch das Zelt, es wurde spontan "That's the way I like it" angestimmt. Als das auch noch von Drummer und Keyboarder unterstützt wurde, war das Zelt am Kochen. Es gibt nichts Schöneres, als wenn sich Menschen aus allen Nationen gemeinsam so freuen können.
Ein Abend den ich nie vergessen werde.
Posted at: 23:00 | Permalink | category: /deutsch/impro