"Apprendre une langue étrangère"
Als ich diese Worte nieder schreibe, muss ich lächeln. Wann habe ich
damals meine ersten französischen Vokabeln gelernt? Es muss so um
diese Zeit herum vor genau zehn Jahren gewesen sein.
Ich hatte kein Französisch in der Schule. Damals traf man Ende der
sechsten Klasse noch die schwer wiegende Entscheidung für das Leben:
Latein oder Französisch? Sah man für sich den naturwissenschaftlichen
Pfad voraus oder plante sich in philosophische Höhen zu katapultieren,
dann musste man Lateiner werden. Sonst durfte es auch gerne eine
lebendige, nützliche Sprache sein. In der man sich ernsthaft
unterhalten kann.
Wie häufig bei wichtigen Entscheidungen, die einfach zu früh getroffen
werden, habe auch ich mich völlig falsch entschieden. Mir war schon
damals klar, dass ich irgendwann mal in die Naturwissenschaften
reinrutschen würde. Wenn also etwas aus mir werden sollte, dann musste
ich mich vom toten Dunst der lateinischen Sprache durchdringen lassen
und alles Notwendige in mich aufsaugen, um das Latinum zu
erlangen. Völliger Blödsinn.
Oh ja, Naturwissenschaftler bin ich geworden. Zumindest bis ich davon
die Schnauze voll hatte. Aber Latein?
Wenn das Problem nur gewesen wäre, dass ich schon ein Jahr nach der
letzten Unterrichtsstunde keinen blassen Schimmer mehr davon hatte
dort überhaupt je etwas gelernt zu haben. Mir ist auch heute nicht
klar, wie man sechs Jahre Unterricht so gnadenlos vergessen
kann. Nein, das hätte ich abgehakt und nicht weiter darüber
nachgedacht.
Dass Problem kam mit dem Vordiplom. Wer schon einmal in Bochum
studiert hat, kennt das Gefühl, doch lieber irgendwo anders studieren
zu wollen. Nichts gegen die architektonische Effizienz von
Betonlandschaften aus einem Guß. Aber darin leben? Arbeiten?
Studieren? Nein, es kommt der Zeitpunkt an dem man gehen muss. Und der
war nach zwei Jahren erreicht.
Frankreich.
Von wegen Frankreich. Ich habe meine Freundin damals angelächelt und
ihr liebevoll klargemacht, dass ich bestimmt nicht nach Frankreich
gehe. Vielleicht habe ich mir dabei ein wenig an den Kopf getippt und
mit den Augen gerollt, um den Worten den nötigen, liebevollen
Nachdruck zu verleihen.
Strasbourg.
Ja klar, Strasbourg. Ich komme mal mit. Gucke mir die Uni da unten
an. Aber mehr als ein nettes Wochenende mit Sightseeing wird das
nicht. Kulturell sicherlich wertvoll.
Gott, was war ich erleichtert als sich die erste Schule, die sich nur
mit organischer Chemie beschäftigte, auch in den Augen meiner Freundin
nichts war. Auf dem Programm stand noch irgendeine zweite Uni, die
Biotechnologie anbot. Vielleicht auch etwas für uns Biochemiker, aber
ging es da nicht nur ums Bier brauen? Mir war klar, dass ich nicht
wirklich einen Gedanken daran verschwenden musste und konzentrierte
mich stattdessen auf den schönen Strasbourger Münster.
Die Schule am südlichen Rand der Stadt sah zwar nett aus, aber
Biotechnologie? Meine Freundin war interessiert, aber ich brauchte nur
einen Blick auf die angebotenen Themen zu werfen: "Mischen und Rühren?
Willst du mich verarschen?"
Nein, keine zehn Pferde und nicht mal zehn hübsche Französinnen hätten
mich nach Strasbourg verfrachten können. Die sprechen
Ausländisch. Lehren über Mixer. Und ich bin weder sprachbegabt noch
rührbegeistert. Und mir war sogar egal ob Mixér auf Französisch
irgendwie besonders sexy klingen könnte. Das war kompletter Humbug.
Ich weiß nicht was mich dazu bewogen hat, mich breitschlagen zu
lassen, ebenfalls eine Bewerbung hin zu schicken. Ich saß sowieso
gerade im Bewerbungskarusell und es schien mir ein netter Gefallen zu
sein. Oder so.
Und wir wurden eingeladen. Bewerbungsgespräch mit zwanzig Leuten in
Freiburg. Die Hälfte von uns würde genommen werden.
Ich gebe zu, ich fand das Ganze amüsant. Ich war nicht ansatzweise
aufgeregt und hielt es für einen netten Spaß. Ich konnte sehr relaxt
dabei zusehen wie eine Horde nervöser Leute völlig aufgelöst um mich
herumwuselte und versuchte nebenbei die Nervosität meiner Freundin zu
bremsen. Letzteres ist mir damals natürlich misslungen, wie mir das
auch vor jeder Klausur misslang. Aber das ist eine andere Geschichte.
Was habe ich denen erzählt? Dass ich vorher noch Kurse in Französisch
machen würde. Irgend etwas Crash-mäßiges. Ich bin ja so motiviert. Das
geht einem wahnsinnig leicht von den Lippen, wenn man es nicht ernst
meint. Und die Professoren waren super nett, fast fürsorglich,
meinten, ich solle mir da mal keine Sorgen machen. Sie hätten schon
mal jemanden gehabt, der kaum Französisch konnte und der hätte das
dann auch irgendwie gepackt. Und ich nickte. Einfach nicken. Ich bin
ja so motiviert. Ich packe das. Ganz klar. Noch ein bisschen über
Gentomaten erzählt und schon ist das belanglose Geplänkel vorbei.
Was den restlichen Nachmittag passiert ist, begreife ich bis heute
nicht. Rückblickend verwundert es mich immer noch. Ich habe mich nur
ein wenig mit den anderen Bewerbern unterhalten und dabei
festgestellt, dass die alle super nett waren. Gar kein Vergleich zu
Bochum. In Bochum wurden Matrikelnummern gesammelt, damit man genau
wußte, wer in den Klausuren besser war als man selbst und man nicht
immer nur mit dieser unpersönlichen Nummer konfrontiert war. Ein
Verhalten, bei dem mir auch heute noch die Galle hochkommt. Und die
Jungs und Mädels da unten in Freiburg an diesem sonnigen Nachmittag,
die waren anders. Offen, freundlich, interessiert und nett.
Dass sowohl meine Freundin als auch meine Wenigkeit unter den zehn
ausgewählten Studenten waren, quittierte ich anfangs noch mit einem
kurzen Lächeln ohne mir wirklich etwas dabei zu denken.
Aber an den Moment während der Rückfahrt, im alten silbergrauen Volvo
meiner Eltern, kann ich mich noch ganz genau erinnern. Als meine
Finger nach einer langen, schweigsamen Pause auf das schwarze Plastik
des Lenkrads trommeln, ich mich lächelnd zu meiner Freundin umdrehe
und völlig gelöst sage: "Ich mach das." Und sie nickt.
Einige Monate später saß ich dann völlig nervös und aufgelöst vor
meiner Französisch-Lehrerin, habe sie mit großen Augen angeguckt,
nichts verstanden und langsam angefangen meine ersten französischen
Vokabeln zu lernen.
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Posted at: 08:38 |
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