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Gunnar macht sich selbststaendig und fliegt auf
die Schnauze
wird erfolgreich. Wer mag darf zuschauen.
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Thu, 12 Oct 2006

"Apprendre une langue étrangère"

Als ich diese Worte nieder schreibe, muss ich lächeln. Wann habe ich damals meine ersten französischen Vokabeln gelernt? Es muss so um diese Zeit herum vor genau zehn Jahren gewesen sein.

Ich hatte kein Französisch in der Schule. Damals traf man Ende der sechsten Klasse noch die schwer wiegende Entscheidung für das Leben: Latein oder Französisch? Sah man für sich den naturwissenschaftlichen Pfad voraus oder plante sich in philosophische Höhen zu katapultieren, dann musste man Lateiner werden. Sonst durfte es auch gerne eine lebendige, nützliche Sprache sein. In der man sich ernsthaft unterhalten kann.

Wie häufig bei wichtigen Entscheidungen, die einfach zu früh getroffen werden, habe auch ich mich völlig falsch entschieden. Mir war schon damals klar, dass ich irgendwann mal in die Naturwissenschaften reinrutschen würde. Wenn also etwas aus mir werden sollte, dann musste ich mich vom toten Dunst der lateinischen Sprache durchdringen lassen und alles Notwendige in mich aufsaugen, um das Latinum zu erlangen. Völliger Blödsinn.

Oh ja, Naturwissenschaftler bin ich geworden. Zumindest bis ich davon die Schnauze voll hatte. Aber Latein?

Wenn das Problem nur gewesen wäre, dass ich schon ein Jahr nach der letzten Unterrichtsstunde keinen blassen Schimmer mehr davon hatte dort überhaupt je etwas gelernt zu haben. Mir ist auch heute nicht klar, wie man sechs Jahre Unterricht so gnadenlos vergessen kann. Nein, das hätte ich abgehakt und nicht weiter darüber nachgedacht.

Dass Problem kam mit dem Vordiplom. Wer schon einmal in Bochum studiert hat, kennt das Gefühl, doch lieber irgendwo anders studieren zu wollen. Nichts gegen die architektonische Effizienz von Betonlandschaften aus einem Guß. Aber darin leben? Arbeiten? Studieren? Nein, es kommt der Zeitpunkt an dem man gehen muss. Und der war nach zwei Jahren erreicht.

Frankreich.

Von wegen Frankreich. Ich habe meine Freundin damals angelächelt und ihr liebevoll klargemacht, dass ich bestimmt nicht nach Frankreich gehe. Vielleicht habe ich mir dabei ein wenig an den Kopf getippt und mit den Augen gerollt, um den Worten den nötigen, liebevollen Nachdruck zu verleihen.

Strasbourg.

Ja klar, Strasbourg. Ich komme mal mit. Gucke mir die Uni da unten an. Aber mehr als ein nettes Wochenende mit Sightseeing wird das nicht. Kulturell sicherlich wertvoll.

Gott, was war ich erleichtert als sich die erste Schule, die sich nur mit organischer Chemie beschäftigte, auch in den Augen meiner Freundin nichts war. Auf dem Programm stand noch irgendeine zweite Uni, die Biotechnologie anbot. Vielleicht auch etwas für uns Biochemiker, aber ging es da nicht nur ums Bier brauen? Mir war klar, dass ich nicht wirklich einen Gedanken daran verschwenden musste und konzentrierte mich stattdessen auf den schönen Strasbourger Münster.

Die Schule am südlichen Rand der Stadt sah zwar nett aus, aber Biotechnologie? Meine Freundin war interessiert, aber ich brauchte nur einen Blick auf die angebotenen Themen zu werfen: "Mischen und Rühren? Willst du mich verarschen?"

Nein, keine zehn Pferde und nicht mal zehn hübsche Französinnen hätten mich nach Strasbourg verfrachten können. Die sprechen Ausländisch. Lehren über Mixer. Und ich bin weder sprachbegabt noch rührbegeistert. Und mir war sogar egal ob Mixér auf Französisch irgendwie besonders sexy klingen könnte. Das war kompletter Humbug.

Ich weiß nicht was mich dazu bewogen hat, mich breitschlagen zu lassen, ebenfalls eine Bewerbung hin zu schicken. Ich saß sowieso gerade im Bewerbungskarusell und es schien mir ein netter Gefallen zu sein. Oder so.

Und wir wurden eingeladen. Bewerbungsgespräch mit zwanzig Leuten in Freiburg. Die Hälfte von uns würde genommen werden.

Ich gebe zu, ich fand das Ganze amüsant. Ich war nicht ansatzweise aufgeregt und hielt es für einen netten Spaß. Ich konnte sehr relaxt dabei zusehen wie eine Horde nervöser Leute völlig aufgelöst um mich herumwuselte und versuchte nebenbei die Nervosität meiner Freundin zu bremsen. Letzteres ist mir damals natürlich misslungen, wie mir das auch vor jeder Klausur misslang. Aber das ist eine andere Geschichte.

Was habe ich denen erzählt? Dass ich vorher noch Kurse in Französisch machen würde. Irgend etwas Crash-mäßiges. Ich bin ja so motiviert. Das geht einem wahnsinnig leicht von den Lippen, wenn man es nicht ernst meint. Und die Professoren waren super nett, fast fürsorglich, meinten, ich solle mir da mal keine Sorgen machen. Sie hätten schon mal jemanden gehabt, der kaum Französisch konnte und der hätte das dann auch irgendwie gepackt. Und ich nickte. Einfach nicken. Ich bin ja so motiviert. Ich packe das. Ganz klar. Noch ein bisschen über Gentomaten erzählt und schon ist das belanglose Geplänkel vorbei.

Was den restlichen Nachmittag passiert ist, begreife ich bis heute nicht. Rückblickend verwundert es mich immer noch. Ich habe mich nur ein wenig mit den anderen Bewerbern unterhalten und dabei festgestellt, dass die alle super nett waren. Gar kein Vergleich zu Bochum. In Bochum wurden Matrikelnummern gesammelt, damit man genau wußte, wer in den Klausuren besser war als man selbst und man nicht immer nur mit dieser unpersönlichen Nummer konfrontiert war. Ein Verhalten, bei dem mir auch heute noch die Galle hochkommt. Und die Jungs und Mädels da unten in Freiburg an diesem sonnigen Nachmittag, die waren anders. Offen, freundlich, interessiert und nett.

Dass sowohl meine Freundin als auch meine Wenigkeit unter den zehn ausgewählten Studenten waren, quittierte ich anfangs noch mit einem kurzen Lächeln ohne mir wirklich etwas dabei zu denken.

Aber an den Moment während der Rückfahrt, im alten silbergrauen Volvo meiner Eltern, kann ich mich noch ganz genau erinnern. Als meine Finger nach einer langen, schweigsamen Pause auf das schwarze Plastik des Lenkrads trommeln, ich mich lächelnd zu meiner Freundin umdrehe und völlig gelöst sage: "Ich mach das." Und sie nickt.

Einige Monate später saß ich dann völlig nervös und aufgelöst vor meiner Französisch-Lehrerin, habe sie mit großen Augen angeguckt, nichts verstanden und langsam angefangen meine ersten französischen Vokabeln zu lernen.